Der erste Vers, den wir in der Lesung gehört haben, hört sich auf Hebräisch so an: „Mi-El ka-mo-cha    No-Sche A-On“ – wo ist ein Gott, wie Du es bist, der die Sünde vergibt? Die Kurzform der Frage „Wer ist wie Du, Gott?“ wurde dann zum Prophetennamen. Aus „ka-mocha“ wurde Micha. Sein Buch ist als Drama mit verschiedenen Rollen gestaltet. Die Kapitel 6 und 7 bilden den 2. Akt, einen Rechtsstreit Gottes mit seinem Volk. Gottes Rolle wandelt sich dabei vom Streitgegner zum Retter des Volkes.

Die Antwort auf die besagte Micha-Frage „Wer ist wie Du, Gott?“ lautet einfach: Niemand. Kein anderer Gott ist Du, Gott, Lebendiger!

Du bist ein Gott, der Schuld erlässt, denen, die geblieben sind.

Du bist ein Gott, der Gefallen hat an Gnade!

Du bist ein Gott, der sich unser erbarmt und all unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen wird.

Ich denke an diesen denkwürdigen Roman, der wie kein zweiter in diese Zeit passt, den ich in den zurückliegenden Wochen der „Corona-Zeit“ gelesen habe. Sein Titel ist:

„Der Wal und das Ende der Welt“. Geschrieben hat ihn John Ironmonger, der in Cornwall lebt.

Joe, ein junger, erfolgreicher Investmentbanker aus der City of London, lebt in einer Welt, in der täglich Millionen Pfund, Euros und Dollar bewegt werden. Seine Abteilung gewinnt immer dann riesige Summen und streicht sie ein, wenn andere große Verluste machen. Das ganze nennt sich „Leer-Verkäufe“ und ist für den Laien, zu denen ich mich auch zähle, sehr schwer zu verstehen, geschweige denn, nachzuvollziehen. Diese Methode scheint in der Tat auch in der realen Welt in irgendeiner Weise legal zu sein. Legitim und ethisch ist sie m.E. nicht. Die Freude ist in dieser Abteilung also immer riesig groß, wenn wieder eine Firma zunächst hochgeputscht wurde – und dann alle erworbenen Aktien auf einen Schlag verkauft wurden und die Aktie ins Bodenlose fällt. Dann knallen die Korken. Prämien werden an alle Mitarbeiter*innen gezahlt. Die größten, schicksten und PS-stärksten Autos werden gekauft. Natürlich verkehrt man nur unter seinesgleichen – in der City of London.

Jack gehört aber gleichzeitig auch zu den begabtesten und pfiffigsten im gesamten Team. Zudem beschäftigt er sich auch mit anderen, auch kritischen Ansätzen. Und er entwickelt ein sehr komplexes Computer-Programm, das bei seiner Vollendung schließlich in der Lage ist, passgenaue Vorhersagen für große, globale Krisen treffen kann. An einem Tag schwirrt ihm der Kopf. Die ganze Sache wird ihm zu heiß. Er kann sie weder kontrollieren, noch einhegen. Alles nimmt seinen Lauf. Und er nimmt reißaus.

Ich möchte nicht zu viel verraten – doch findet er sich kurze Zeit später nackt, angespült an einem Strand in Cornwall wieder. Seine Flucht aus dieser sündenbeladenen Welt in der City of London wird schließlich eine Reise ins Leben, zu den Menschen, zu den guten und menschlichen Seiten des Lebens, schließlich zu sich selbst.

Er wird schließlich gehören zu denen, die viel Schuld auf sich geladen haben, dann aber geblieben sind (und eben nicht davon weggelaufen sind) und so weiterhin zum Rest des gesegneten Volkes Gottes gezählt werden – ihnen wird ihre Schuld erlassen. So hat es der Prophet Micha – „wer ist wie Du, Gott?“ – für uns alle, für alle Zeiten vorhergesagt.

In der Tat wird Joe genau dieses erfahren: Was alles im Leben – Ihr Lieben: Wir haben nur eins! – an Gutem geschehen kann, wenn wir diesem Gott – „wer ist wie Du?“ –  vertrauen, ihn an seine Verheißung, seinen Schwur erinnern, den er Jakob und Abraham erwiesen hat – so wie Micha es tut. Wenn wir als Gesegnete diesen Segen weitergeben. Und Segen bedeutet Leben und Lieben und Annehmen und Glauben und Gelingen und Wunder geschehen lassen.

So erleben Joe und die, die ihn am Strand gefunden und ihn so gerettet haben, nicht nur ein Wunder. Vor allem werden ihnen allen die Augen geöffnet – für das, was wirklich zählt im Leben – Mitmenschlichkeit, soziale Bindungen, neue Aufbrüche, neue Perspektiven und, was das wichtigste ist: Genug für alle!

Hört sich das an wie eine Utopie?

Nun ja, das geht natürlich nur mit uns – zunächst müssen auch wir unser Leben, das private wie gesellschaftliche und globale, auf den Prüfstand stellen. Dann müssen wir das ändern, was nicht diesem Ziel, Gottes Geboten zu Gerechtigkeit und Frieden, dient. Dann müssen wir einmütig einräumen, dass auch wir gesündigt haben und aktuell sündigen. Dann müssen auch wir unsere Haltung ändern, ja umkehren, wie Johannes der Täufer es am Jordan gepredigt hat: Metanoeite! Kehret um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Und es geht natürlich nur mit diesem Gott „wer ist wie Du, Gott“, der uns Menschen – ohne, dass dafür ein Opfer dargebracht werden müsste – die Sünde vergibt, ja, der Gefallen hat an der Gnade, ja daran, dass Wunder geschehen, das Menschlichkeit sich durchsetzt und dass nach der Krise das Leben, das pralle Leben, das nicht auf Kosten anderer lebt, konkrete Gestalt annimmt.

Sein Geist möge uns auf diesem Weg in die neue Zeit führen und leiten, uns inspirieren und so die veränderte Haltung zu konkreten Taten und Handlungen werden.

Amen