Liebe Leserin, lieber Leser!

Mitte Januar saßen Christen verschiedener Konfessionen aus den Gemeinden unseres Stadtteils zusammen im Gemeindehaus der Thomaskirche und sprachen über die Visionen des Propheten Sacharja. Dabei kamen wir auch darauf zu sprechen, was wir selbst von Visionen halten und ob wir Visionen haben. Wir stellten fest, dass eine Vision mehr ist als nur ein Traum oder ein Wunsch oder ein konkretes Ziel eines Menschen. Eine Vision stellt eine Beschreibung unseres Lebens, unserer Gesellschaft dar, wie sie noch nicht ist, aber wie sie einmal sein wird. Dabei gibt diese Beschreibung den Menschen, die sie hören Hoffnung, konkret in ihrem Leben, und Mut, Schritte in diese Richtung zu gehen. Beispiele aus der Geschichte wurden genannt: Martin Luther King sprach in seiner berühmten Rede am 28. August 1963 von seinem Traum, dass einmal seine Kinder in ihrer Nation nicht mehr nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Heute, so stellten wir fest, hat die USA einen farbigen Präsidenten. Auch Egon Bahr und Willy Brandt wurden genannt, die in der Zeit des kalten Krieges, der Abneigung und des Misstrauens die politische Vision des Vertrauens und er Annährung zwischen Ost und West entwarfen und dann mutig Schritte in diese Richtung gingen. Viele von unseren Eltern und viele von uns gingen diesen Weg mit und gemeinsam freuten wir uns in den Jahren 1989 und 1990 über die friedliche Wiedererlangung der deutschen Einheit in der Mitte eines versöhnten Europas.

Auch heute haben wir solche gesellschaftlichen Visionen nötig. Wir stehen vor gewaltigen Aufgaben – innen- wie außenpolitisch. Menschen in unserem Land werden sich, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer religiösen und ihrer kulturellen Prägung in der gemeinsamen, in diesem Lande gesprochenen Sprache verständigen über Werte, die sie teilen, über Sehnsüchte und Hoffnungen, die sie haben. Gemeinsam werden sie Mut finden und einstehen gegen Gewalt und Hass und religiös-ideologische Verblendung. Sie werden gerade die jungen Leute in den Blick nehmen und für sie da sein. Sie werden nicht zulassen, dass diese sich infizieren lassen von der Propaganda der Intoleranz und des Hasses. Unsere guten Schulen mit ihren engagierten Lehrern werden maßgeblich, stetig, in der Regelmäßigkeit des täglichen Unterrichts diesen jungen Menschen Orientierung und Halt geben. Die verschiedenen Gemeinden werden Möglichkeiten des Austausches und der Gemeinschaft schaffen. Und Menschen, die bisher einsam waren, werden entdecken, dass es im Leben nie zu spät ist, etwas Neues, bisher Unbekanntes zu beginnen und seinem einzigartigen Leben in einer anderen Lebensphase noch einen neuen Sinn zu geben, im Gegenüber und Miteinander mit anderen.

Dies, liebe Leserin, lieber Leser, wird von anderen Menschen wahrgenommen und gesehen werden, auch in anderen Ländern. Schauen wir nicht zu viel zurück, schauen wir nach vorne – mit Zuversicht und Hoffnung und mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Und gehen wir erste Schritte.

Ihr Cord-Michael Thamm