Was für Zeiten, lieben Gemeinde? Klimakrise, die Situation der Kriegsflüchtlinge, die sich an der europäischen Grenze erneut zuspitzt, weltweite Corona-Epidemie. Das Virus hat auch Osnabrück erreicht. 

Andererseits: Wie sah es in anderen Zeiten aus? Zur Zeit, als Christinnen und Christen verfolgt wurden, als sich die Kirche angesichts der Nazi-Ideologie im Kirchenkampf befand, als Menschen in unserem Land in Vernichtungslagern ermordet wurden. Oder ich denke an die Zeit, in der ich als Kind aufwuchs: Als der kalte Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte und sich auf deutschem Boden die Atomsprengköpfe gegenüberstanden und eine riesige Grenzanlage mit Stacheldraht unser Land teilte.

Wir Menschen im Allgemeinen sind im Grunde bequem und egoistisch. Am liebsten haben wir es doch, wenn die Dinge alle gut laufen, wenn ich dafür nur das nötigste tun muss, wenn es mir und den meinen gut geht – die Probleme sollen bei den Menschen bleiben, die sie haben. Damit habe doch ich nichts zu tun.

Nun erreicht uns also auch die Gefahr einer Infektion des Coronavirus. Wir können uns nicht abschotten. Auch wir sind angefragt. Auch wir tragen jetzt eine (Mit-)Verantwortung dafür, besonnen mit dieser Ausnahme-Situation umzugehen, eine Ausbreitung zu verlangsamen, die Hygiene-Regeln zu befolgen und nicht in Panik zu geraten.

Diese Corona-Krise stellt auch unseren Lebensstil in Frage: Die Schnelllebigkeit, alles „Just-in-time“, schnell noch Karneval dort feiern, schnell noch eine Reise in die Niederlande und der Skiurlaub in Südtirol muss auch noch sein. Der Coronavirus hat bisher geschafft, was jedes noch so ambitionierte Klima-Programm bisher nicht vermocht hat: Die aufgehitzte Wirtschaft kühlt sich ein wenig herunter. Vieles kommt auf den Prüfstand. In China ist die Luftverschmutzung bereits signifikant zurückgegangen. 

Viele Menschen weltweit sind bereits in häuslicher bzw. klinischer Quarantäne. Auch wir anderen gehen weniger Wege, sagen Reisen ab und besuchen nicht Veranstaltungen mit vielen Menschen.

Können wir dies alles bereits mit diesem großen Wort „Bedrängnis“ bezeichnen? Etwas drängt auf uns ein. Wir reagieren darauf. Wir werden in unseren Möglichkeiten und v.a. in unseren liebgewordenen Gewohnheiten eingeschränkt. In diesem Sinne können wir dann auch den Predigttext für den 2. Sonntag in der Passionszeit hören:

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Römer 5, 1-5

Bevor wir den Faden von eben wieder aufnehmen, lasst uns erst noch mal an den Anfang und an das Ende des Predigtextes schauen: Auch hier stehen große, starke Worte: Glauben, Frieden und Liebe!

Der Glaube ist der Ausgangspunkt für alles weitere. Er wird geweckt durch das Gebet, durch das Hören von Gottes Wort und dem Gespräch darüber und durch das Feiern des Gottesdienstes in Gemeinschaft.

Dadurch erkennen wir, dass wir richtig sind vor Gott. Er zieht uns hoch auf seine Augenhöhe, weil er uns liebt. Gott hat dies möglich gemacht durch das Leben, Sterben und die Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus. Somit haben wir Frieden mit Gott. 

Das ist die Grundlage. Das ist die Grundlage für alles. Für unser Leben, für unseren Alltag, für unsere Erziehung, dafür, dass wir selbst auch lieben können und zur Befriedung von Konflikten im Miteinander beitragen können.

Und am Ende wird noch einmal bestätigt, dass es genau so ist: Nichts weniger als die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Es gibt ja Menschen, die mit der Vorstellung des Heiligen Geistes ihre Schwierigkeiten haben. Doch ist eines doch klar: Ohne den Heiligen Geist wäre Maria nicht schwanger geworden. Ohne den Heiligen Geist würde keiner von uns Getauften nach dem Tod weiterleben bei Gott. Ohne den Heiligen Geist wäre die deutsche und die europäische Teilung nicht friedlich überwunden worden. Ohne den Heiligen Geist wird kein Friede unter uns und breitet sich auch keine Liebe, keine echte Liebe, die zunächst erstmal das Wohl des anderen sieht, aus.

Schauen wir nun auf die Verse dazwischen: Von Ruhm redet Paulus hier. Davon, dass wir uns rühmen. Wessen rühmen wir uns? 

Wenn wir ehrlich sind: Rühmen wir uns in Deutschland nicht unseres stabilen politischen und wirtschaftlichen Systems? Rühmen wir uns nicht des Friedens, den wir im Land haben? Rühmen wir uns unseres gut finanzierten Gesundheitswesens?

Oder bemängeln wir gerade, dass das alles nicht mehr so gut ist, wie es angeblich mal war bzw. wie es eigentlich sein sollte?

Paulus, als ehemaliger Jude, der sich hat taufen lassen und nun Christ ist, spricht von etwas ganz anderem: Er rühmt sich der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit. Er ist Realist. Er weiß um die Unzulänglichkeiten und Krisen in dieser Welt. Er weiß, dass wir immer nur in bestimmten Situationen im Hier und Jetzt Gottes Reich spüren und erleben können. Und solche Erfahrungen machen Mut, sich auch weiter einzubringen für die Sache Christi. Doch er weiß genauso, dass die Vollendung von allem in der „zukünftigen Herrlichkeit“ liegen wird, die Gott geben wird. Einst. Wir können ergänzen: Nach dem Tod!

Doch bleibt Paulus bei diesem Ruhm nicht stehen. Er rühmt sich auch der Bedrängnis. Da ist sie wieder. Wir sind in unserer Zeit konkret angesprochen. Können wir uns auch der Bedrängnis rühmen, die wir in diesen Tagen durch das Coronavirus erfahren? Anders ausgesprochen: Können wir in dieser Seuche auch ein Wirken Gottes sehen, dass langfristig für diese Welt ein Segen sein wird, da die Menschheit ganz gewiss neue Wege in den Fragen des Zusammenlebens, der Versorgung, der Produktion und des Transports gehen muss und gehen wird.

Paulus sagt auch sogleich, wozu eine echte, empfundene Bedrängnis führt: Sie führt in Geduld. Wenn das stimmt und wir dies ernstnehmen, dann ist das möglicherweise die größte Geistesgabe, die wir benötigen und um die wir bitten sollten: Geduld.

Geduld ist das Gegenprogramm zu „Just-in-time“. Geduld kann aushalten, dass etwas noch nicht fertig, sondern erst im Werden ist. Auch ein Mensch ist nicht und niemals fertig, er ist immer im Werden. Schon das Embryo im Leib der Mutter braucht 9 Monate, um die Verfassung zu haben, in diese Welt hinein geboren zu werden. Und die Mutter braucht in dieser Zeit, die Geduld, um sich auf die Geburt des Kindes entsprechend vorzubereiten. Und der Vater sollte diese Zeit auch nicht ungenutzt lassen.

Auch angesichts der aktuellen Corona-Krise benötigen wir Geduld. Das Virus lässt sich nicht ausrotten. Die Ausbreitung lässt sich verlangsamen. Forscher arbeiten rund um die Uhr an der Entwicklung eines Impfstoffes. Doch der wird für alle erst im kommenden Jahr zur Verfügung stehen. Wir benötigen also Geduld und Besonnenheit.

Und wozu führt nach Paulus dann Geduld? Sie führt in die Bewährung. Wir werden bewahrt. Gleichzeitig bewähren wir uns auch: Wir halten fest am Glauben. Wir werden gestärkt im Glauben. Wir verändern unseren Lebensstil. Wir entscheiden und handeln verantwortungsvoll. Wir geraten nicht in Panik. Wir helfen, wo wir es vermögen. Wir schützen uns so, wie es angemessen ist. Wir haben Verständnis, wenn einer von uns erkrankt ist, dass er oder sie eben gerade nicht mittun und mithelfen kann.

Schließlich erfahren wir, dass daraus neue Hoffnung erwächst.

Hoffnung für Veränderung und Verbesserung der Lebensbedingungen für Mensch und Tier hier auf Erden. Hoffnung auf Frieden, wo Krieg herrscht. Hoffnung auf ein gutes Miteinander im Land. Und gleichzeitig auch Hoffnung auf eine Vollendung auch meines persönlichen Lebens bei Gott in seinem Reich.

Denn, so lernen wir von Paulus, Hoffnung lässt keinen von uns zuschanden werden.

Amen