lit sparkler

Wie hatte das Jahr 2020 eigentlich begonnen? Erinnert ihr euch? Ich kann mich gut erinnern. Es war unser erstes Silvester in Engter. Unsere Hasberger Freunde, mit denen wir jedes Jahr gemeinsam Silvester feiern, immer abwechselnd bei ihnen und bei uns, waren bei uns im Pfarrhaus gewesen. Kurz vor Mitternacht gingen wir gemeinsam nach draußen, um hoffnungsvoll das neue Jahr zu begrüßen – und sahen: Nichts! Nebel bestimmte diese Nacht in der gesamten Region Osnabrück. Kaum ein Feuerwerk war zu sehen, selbst die Geräusche waren seltsam gedämpft in dieser feuchten Luft. Auch sahen wir recht wenig andere Menschen – nun ja, durchs ganz Dorf sind wir nicht gelaufen. Kurz: Es war schon ein merkwürdiges Silvester. Eines, was wir so noch nicht erlebt hatten und das in Erinnerung bleibt. 

Unsere Kinder waren es, die irgendwann, als unser aller Leben im Frühjahr das erste Mal komplett heruntergefahren war, sagten: „War dieses neblige Silvester nicht ein Zeichen, eine Ankündigung dieses seltsamen Jahres 2020, in dem wir uns auch – wie im Nebel – erst einmal ganz neu orientieren mussten?“ 

Wir alle mussten erstmal lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen: Wie lebt es sich überwiegend zu Hause, wo nun fast alles stattfand: Schule der Kinder, Arbeit der Eltern, alle Mahlzeiten zu Hause statt in Mensa, Kantine oder im Restaurant, selbst sonntags zu Hause – vor dem Bildschirm statt in der Kirche, aber auch: wertvolle neue Naturerfahrungen in den Wäldern, an den Feldern, im Garten.

Ja, erinnern wir uns: 8 Wochen haben wir in dieser Zeit keine Gottesdienste gefeiert, geschweige denn das Heilige Abendmahl. Beim Höchststand der aktuell Infizierten am 11. April – es war Karsamstag – waren es 578 in der Region Osnabrück. Diese Zahl senkte sich dann bis auf 116 am 17. Mai. Von da an stieg sie wieder. Stand gestern war sie auf 1043 gestiegen. 

Heute Abend nun sind wir dennoch zusammen gekommen – auch, um das Heilige Abendmahl miteinander zu feiern, mit Besonnenheit und Umsicht. Denn: Wir brauchen diese geistige Wegzehrung. Wir brauchen diesen Zuspruch Gottes auf unserer Wüstenwanderung in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts. Ja, wir brauchen auch Orientierung. 

So wie das Volk Israel damals.

Die Zeit der Wüstenwanderung wird zum Symbol für das Leben von uns Menschen überhaupt. Die Verse des Predigttextes öffnen uns die Augen für Gott. Sie zeigen uns an: Dieser Weg ist mehr als ein großer Umweg mit einer Rast am Rande der Wüste. Vor allem ist es ein Weg, den wir nicht alleine gehen, sondern als Volk, als Gemeinschaft. Und es ist ein Weg, auf dem Gott selbst uns vorangeht und uns den rechten Weg führt, wie es im 2. Buch Mose, Kapitel 13 in den Versen 20-22 heißt. Die Erscheinungsweisen Gottes könnten dabei gegensätzlicher nicht sein. Im hellen Sonnenlicht, in flirrender Hitze erscheint Gott im Wolkendunkel. In der Dunkelheit der Nacht erkennt man seine Gegenwart als hellen Feuerschein.

Mir sagt eine jüdische Auslegung zu, die dieses Bild von Feuerschein und Wolkensäule so überträgt: In der klaren Welt der Aufklärung, in der Welt des Rationalismus erscheint Gott als Wolke. Sinnbild für das Undeutliche, Verschwommene, Dunkle. Als Geheimnis.

Ich denke an die Zeit vor Corona – dachten wir nicht, wie hätten alles im Griff und es könnte alles so weiter gehen, wie bisher – immer größer, höher, weiter? Der Nebel des Altjahrsabend 2019 scheint mir die Wolkensäule Gottes gewesen zu sein. Alles war undeutlich, verschwommen, dunkel. Eben ein großes, göttliches Geheimnis.

In einer Welt und in einer Zeit aber, in der das Dunkel herrscht, wo Gefühle und Emotionen die bestimmenden Kräfte sind, wo die Nachtseite des Lebens überhandnimmt und sogar gesellschaftsbildend wird – da erscheint Gott in der Klarheit, als erhellende Wahrheit, die uns ruft und uns in die Verantwortung nimmt.

Hier denke ich an die von Corona geprägte Zeit seit März. Viele Menschen sind seelisch oder körperlich oder mit Blick auf ihre Existenz und Zukunftspläne an ihre Grenzen gekommen. Und dabei geht es uns hier in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen in der Welt noch ziemlich gut! Und mitten in dieser schwierigen und herausfordernden Zeit erscheint Gott in einer Klarheit, wie wir es lange nicht gesehen haben. „Altes ist vergangen. Siehe, neues ist am Entstehen. Erkennt ihr´s denn nicht? Erkennt ihr nicht die Zeichen der Zeit?“

Weniger ist mehr. Es kommt auf die Qualität an, nicht auf die Quantität. Nicht, wie viele Veranstaltungen oder Familientreffen ich besuche, ist wichtig, sondern: welche Qualität diese Begegnungen, ja diese geteilte Zeit, haben. Gute Gemeinschaft ist wichtig. Doch diese kann im Kleinen, zu zweit, zu fünft, zu zehnt wachsen und sie erfährt erst über eine gewisse Zeit an Kraft. Gott, durch Jesus Christus auch uns geschenkt, wieder in die Mitte meines Lebens und meines Handelns stellen. Das Gebet wieder neu entdecken und vertiefen. Und sei es zunächst mit den Worten dieses Abends. „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“

So werden wir auf unserer Wanderung durch die 20er Jahre auch die großen Themen anpacken können, die oben auf liegen: Die Ev. Kirche fit machen für die Zukunft – konkret: Die Zusammenarbeit unserer beiden Gemeinden intensivieren und eine weitere Gemeinde für eine vertiefte Zusammenarbeit finden. Klimaneutralität und nachhaltige Landwirtschaft erreichen. Die A 33 Nord stoppen. Den Neumarkt wieder zu einem lebensfähigen Ort des urbanen Lebens, der Begegnungen und der Lebensfreude machen. Und: Den Jugendlichen in unseren Gemeinden und in der Gesellschaft Raum und Möglichkeiten zu bieten, sich einzubringen und sich von Ihren Ideen und Vorstellungen inspirieren zu lassen.

Ich bin sicher, dass wir heute Nacht nicht im Nebel tappen. Ich rechne damit, dass wir heute Nacht bei leichtem Frost die ein oder andere Feuersäule am Himmel sehen werden – und in ihrem Schein unsere Mitmenschen, denen wir zurufen können: Frohes neues Jahr!

Amen