Wir befinden uns in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Jesus hat sich gerade von seinen Jüngern verabschiedet. Seit seiner Himmelfahrt ist er nicht mehr sichtbar bei ihnen, ist weg.

Aber er hat versprochen, nahe zu sein, nahe zu bleiben. Nur eben nicht mehr sichtbar. Auf eine andere Art will er nahe sein. Er verspricht, den Tröster zu schicken. Seinen Geist. Mitten unter uns. Den Heiligen Geist. Eine nie versiegende Quelle der Kraft.

Aber bis dahin…

Wir befinden uns in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir befinden uns in der „Dazwischen-Zeit“. Diese 8 Tage bedeuten eigentlich: Wir sind mittendrin in der „geistfreien“ Zeit.

Wir erleben jetzt gerade aber nicht nur eine „Dazwischen-Zeit“ zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Wir erleben jetzt gerade eine „Dazwischen-Zeit“ zwischen Corona-Krise, Lockdown, Stillstand und unserem Leben, wie wir es zuvor kannten. Arbeitstitel: Zeit der Lockerungen und der langsamen Wiederaufnahme unseres alltäglichen Lebens.

So eine Zeit dazwischen ist nicht einfach. War’s für die Jünger damals nicht. Ist’s für uns heute auch nicht. So eine Zeit bedeutet Ungewissheit. 

Und Ungewissheit nervt. Sie quält uns zwischen den stabilen Tagen. Sie durchbricht unser Leben, das wir gewohnt sind, das uns Halt gibt. Und liefert uns stattdessen … ja, genau, das ist es, was Ungewissheit ausmacht: Wir wissen es nicht. 

Und was machen Menschen in Zeiten der Ungewissheit? Sie suchen sich Halt. Suchen Stabilität.

Auf dieser Suche finden sie manchmal schnelle Lösungen und einfache Antworten. Das ist verlockend. Und gefährlich.

Populisten, Verführer, Extremisten halten hier Ausschau nach ihren Opfern.

Manche verlieren ihr Vertrauen. Sie beginnen, anderen und allem zu misstrauen. Ihr Misstrauen wächst in ein ungeheures Maß: Sie verlieren sich in Theorien und Verschwörungen. Hinter jeder Entscheidung wähnen sie etwas oder jemanden, das sich gegen sie richtet.

Das ist nicht minder gefährlich, wie wir zur Zeit auf Demonstrationen sehen können.

Das, ihr Lieben, erleben wir gerade: Eine „Dazwischen-Zeit“ voller Ungewissheit und Misstrauen. In eine solche Zeit spricht auch unser Predigttext, spricht Jeremia.

Er schreibt an das Volk Israel. Das Land ist besetzt. Die Hauptstadt zerstört. Das Vertrauen einander und in Gott ist dahin. Israel steckt mitten in einer „Dazwischen-Zeit“.

Jeremia hat sein Vertrauen nicht verloren. Er stemmt sich gegen die Mutlosigkeit und gegen die Zweifel. Gegen das Resignieren vertraut er auf Gott.

Jeremia, der Prophet, hat für alle, die müde geworden sind und keine Hoffnung mehr haben, eine Verheißung von Gott parat:

Wir finden dieses Versprechen bei Jeremia im 31. Kapitel:

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich … einen neuen Bund schließen … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; …“

(Jeremia 31,31-34 i. A. )

Ein neuer Bund, ins Herz geschrieben und deshalb unantastbar. In Jesus Christus ist dieser neue Bund spürbar, erfahrbar.

Er pflückt den kleinen Zöllner Zachäus vom Baum. Schöpft für die Frau am Brunnen lebendiges Wasser. Stärkt der krummen Witwe den Rücken. Lässt Pilatus staunend zurück. Geht mit den Jüngern neue Wege.

Sie alle spüren, dass Jesus mit Gott lebt und handelt. Durch gemeinsames Essen. Durch Worte. Durch kleine Gesten. Er erreicht ihre Herzen.

In einem einzigen Menschen verwirklicht sich die Prophezeiung von Jeremia: In Jesus von Nazareth.

Gott will das Herz der Menschen berühren. Durch seinen Sohn gelingt ihm das.

Doch Jesus ist fort. An Himmelfahrt ist er vor den Augen der Jünger emporgehoben worden. 

Jesus wusste, wie es den Jüngern ergehen würde, und ließ ein Abschiedsgeschenk da. Sein Versprechen: Seinen Geist.

Der Geist, dieser Windhauch, ist nur leider nicht so fassbar und erfahrbar wie ein Jesus von Nazareth, mit dem ich zusammen am See sitzen und Fische grillen kann.

Trotzdem: Manchmal kann ich den Geist und seine Kraft spüren. 

Wenn ich Gottes Geist im Herzen trage, ist kein Platz mehr für die Angst, die aus der Ungewissheit kommt. Oder für das Misstrauen, dass dieser oder jene gegen mich ist. Oder für alles andere, was Menschen von einander und von Gott trennt.

Wenn ich Gottes Geist im Herzen trage, dann bin ich Teil einer Gemeinschaft, die zusammengehört, die verbindlich und verlässlich ist, der ich vertrauen kann und die die Hoffnung hochhält.

Welch großer Schatz ist das gegenüber Freiheiten, für die manche nun vermeintlich vehement einstehen, solange ihnen diese Position nutzt, während sie dabei das Wohl aller außer Augen lassen?

Viele Menschen sind einsam, fühlen sich bedroht oder abgehängt. Diesen Menschen müssen wir wieder das Gefühl geben, dass da eine Gemeinschaft ist, die sie trägt und in der sie sich entfalten können. Darum muss es uns heute gehen, in dieser „Dazwischen-Zeit“. 

So lese ich auch die Worte des Propheten Jeremia: Gott will die Menschen untereinander und mit sich verbinden.

Er will nicht, dass wir vereinzelt und orientierungslos durch die Wüste unseres Lebens wandern. Er will, dass wir gemeinsam durch das Leben gehen, Seite an Seite.

Diese Gemeinschaft gründet nicht auf starren, äußerlichen Regeln, die mir die Luft zum Atmen und zur Entfaltung nehmen. Es braucht auch keine Experten, die das Gesetz autoritär für sich beanspruchen und für andere auslegen.

Denn Gott hat das Grundgesetz seines neuen Bundes nicht in Stein gemeißelt, sondern in unser Herz geschrieben.

Er hat es uns in seinem Sohn vorgelebt. Hat in Jesus seinen neuen Bund spürbar auf die Erde gebracht.

Und nun ist es an uns: Wir haben seinen Geist. Auch jetzt. Auch in der „Dazwischen-Zeit“, die nur scheinbar geistlos und hoffnungslos ist. 

Vertrauen wir auf Gott in unseren Herzen, dann können wir fühlen und erleben, wie Gott unser Herz berührt. Dann ist seine Kraft in uns wirksam.

Es liegt an uns, das, was Gott in unsere Herzen schreibt, auch wirksam werden zu lassen.

Heute. Morgen. Jeden Tag aufs Neue.

Amen.

Pastor Groeneveld