Am Freitag hörte ich auf NDR Kultur die Sendung „nachgedacht“ mit dem Titel „Die Möglichkeit des Grauens“. Alexander Solloch ging darin Gedanken rund um den Jahreswechsel und den verbreiteten Wunsch “Frohes, neues Jahr“ nach. Er begann sein Nachdenken mit einer ganz aktuellen, sehr traurigen Nachricht: „Zu Mitternacht wünschten sie sich vermutlich noch alles Gute. Was man eben so sagt: Frohes neues, viel Gesundheit und Glück und immer was zu lachen. Eine Stunde später war alles vorbei. Der 39jährige Mann und sein 10jähriger Sohn, die in der Silvesternacht auf der Bundesstraße 27 in Eichtal nahe Stuttgart ums Leben kamen, waren in Deutschland wohl die ersten Verkehrstoten 2019. Die Statistiken der vergangenen Jahre lassen befürchten, dass ihnen bis zum 31.12. noch über 3.000 Menschen folgen werden.“ Mich hat diese Nachricht ebenfalls erschüttert und ins Nachdenken gebracht.

Unser Leben hängt immer am seidenen Faden. Unser Leben kann von jetzt auf gleich ein jähes Ende finden. Ja, eine Unaufmerksamkeit und ich stürze. Drei Sekunden im Auto abgelenkt – und es ist geschehen, wie in dieser ersten Stunde des Jahres in Eichtal.

Mir macht diese Nachricht und das Nachdenken darüber deutlich, was für eine Verantwortung wir haben für unser eigenes Leben und das unserer Kinder und denen, die uns anvertraut sind. Und mir wird klar, dass wir diese Verantwortung auch übernehmen und tragen können, weil Gott uns dies zutraut und ermöglicht und uns seinen Schutz und Segen zuteil werden lässt.

Auch in der Geschichte zum 6. Januar, im Predigttext zum Epiphaniasfest, hängt nicht nur ein Menschenleben am seidenen Faden. König Herodes erschrickt, hören wir dort, als er von der anstehenden Ankunft eines neu geborenen Königs der Juden hört. Er stellt Nachforschungen an und gibt den weisen Männern aus dem Morgenlande bereitwillig Auskunft und den Auftrag, sie mögen den Neugeborenen in Bethlehem suchen. Und schließlich wieder zurück zu ihm kommen, um ihm zu berichten, wenn sie ihn gefunden haben. Was führt Herodes im Schilde? Wir ahnen es: Nichts Gutes. Im Traum spricht Gott zu den Weisen, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren. So ziehen sie schließlich auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Im nächsten Vers erfahren wir dann: „Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten.“

Josef wird sich der realen Gefahr, die da lauert, bewusst und: Er übernimmt Verantwortung und handelt! Er tut dies im festen Bewusstsein und Glauben, dass Gott ihn, seine Frau und ihr Kind Jesus auf dieser Flucht, auf diesem Weg begleiten und beschützen wird, da er ja mit Jesus noch so einiges vorhat.

Auch die weisen Männer werden auf ihrer Reise begleitet und behütet. Sie werden nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Sie beziehen ihre Gewissheit und die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein, aus dem Licht des Sternes, der vor ihnen her ging. „Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“

Woraus beziehen wir unsere Gewissheit und Sicherheit, begleitet und behütet auf dem richtigen Weg zu sein? Ich denke, wie die weisen Männer aus dem Morgenlande beziehen auch wir unsere Orientierung aus dem weihnachtlichen Licht. Es hat in der Silvesternacht nicht aufgehört für uns und in uns zu leuchten: Uns allen ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über Dir! Ja, das ist die weihnachtliche Botschaft und Wahrheit. Deshalb, das ist der Aufbruch, der vom Epiphaniasfest ausgeht: Mache Dich auf und werde Licht! Denn dein Licht kommt!

Was bedeutet das denn anderes, als eben auf keinen Fall Auto zu fahren, wenn Du etwas getrunken hast! Nach einem Streit – hey, wir sind Menschen, das gehört zu unserem Leben – Dir erst noch eine Stunde zum Runterkommen gönnen, bevor Du wieder ins Auto steigst. Wenn Du es eilig hast und schnell zu Hause sein möchtest, es eben bewusst langsam und besonnen anzugehen – dann kommst Du nicht nur heil, sondern auch schneller an. Und dass weniger mehr sein kann, haben wir ja zum Jahreswechsel in Osnabrück erleben dürfen: Nicht nur mir ist es am Neujahrsmorgen aufgefallen, es scheint überall in Osnabrück so gewesen zu sein, die NOZ schrieb darüber: Es wurde wohl weniger geknallt, dem entsprechend lag weniger Müll auf den Straßen und die Feinstaubbelastung war geringer als in den Jahren davor oder in anderen Großstädten.

Das sich von Gott getragen und begleitet wissen führt also in die Übernahme von Verantwortung. Mein innerer Glaube äußert sich also in einem beherzten Handeln. Leichtsinniges und Sinnloses unterlasse ich dann. Für sinnvolles und das Leben Schützendes setze ich mich dann ein.

So wird aus der „Möglichkeit des Grauens“ die „Möglichkeit der Erfahrung der Güte und der Liebe“.

Dann wirst Du es sehen und vor Freude strahlen, und Dein Herz wird erbeben und weit werden. Auch im Jahr 2019.

Amen

Liebe Leserin, lieber Leser,
haben Sie in all diesen Kirchen schon einmal Gottesdienst gefeiert? Gottes Wort gehört, sich an der Auslegung des Pfarrers / Pastorin gerieben, dem Chor gelauscht, beim „hohen Lobgesang“ mit eingestimmt und sich beim anschließenden Kaffee und Tee über Gemeindegrenzen hinweg ausgetauscht? Egal, ob Sie bereits in drei oder vier dieser Gotteshäuser waren oder ob die Ökumenische Bibelwoche für Sie Neuland ist – seien Sie doch im Januar dabei, wenn das „Jahr der Freiräume“ gerade begonnen hat, wenn wir uns gleich im Januar Freiräume nehmen für die Begegnung mit unseren Schwestern und Brüdern in diesen Kirchen in den Stadtteilen Dodesheide, Sonnenhügel, Haste bis nach Lechtingen.

Im Monatsspruch für Januar 2019 heißt es (1 Mose 9,13):
Gott spricht: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.

Für mich ist lebendige Ökumene wie ein Regenbogen mit allen für uns Menschen sichtbaren Farben. Jede Gemeinde, jede Konfession, die sich einbringt, steuert mit ihren Glaubenserfahrungen, mit ihrer Tradition, mit ihrer Sicht der Dinge etwas bei. So wird mit jeder Gemeinde, mit jeder Konfession ein wenig mehr sichtbar von der Herrlichkeit des farbenfrohen Bogens am Himmel. Würde ein Repräsentant bzw. eine Repräsentantin jeder Gemeinde jeweils mit einem T-Shirt in anderer Farbe beim Ökumenischen Gottesdienst am 27. Januar neben den anderen im Altarraum stehen – sie würden schon einen großes Spektrum des Regenbogens abbilden. Wir sprechen ja auch von den “sieben Farben des Regenbogens” nämlich Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett.
Und dann gibt es ja noch jene Farben an den beiden Rändern des sichtbaren Spektrums, die wir mit dem menschlichen Auge nicht sehen können. Auf der einen Seite ist das Infrarot-Licht, auf der anderen Seite ist es das Ultraviolette Licht. Auch diese Farben gehören mit dazu, wenn Gott seinen Bogen in die Wolken setzt und unsere Farben zum Leuchten bringt.
Ihnen wünsche ich einen guten Start ins „Jahr der Freiräume“ mit vielen farbenfrohen Begegnungen!

Ihr Pastor Cord-Michael Thamm

Das sprachen KU 4-Kinder im gemeinsamen Ostergottesdienst in der Thomaskirche anderen aus ihrer Gruppe zu und dann auch der Gemeinde. Dabei hauchten sie sie an. So wie Jesus damals, als er seine zehn Jünger als Auferstandener überraschte: „Nehmt hin den Heiligen Geist.“ Seine zehn Jünger? Ja. Judas hatte sich zu sehr in seine überhöhten Erwartungen verrannt, dass er am Ende seinen Herrn, in den er doch alle Hoffnungen gesetzt hatte, verriet und schließlich sich selbst umbrachte. Und dann fehlte an jenem Tag auch Thomas. Er war mit seinen Zweifeln allein unterwegs in den Straßen Jerusalems. Ob er Trost suchte im alten Glauben, bei den Juden? Oder ob er versuchte, in der Stille und Einsamkeit Antworten auf seine Fragen zu bekommen? Thomas war schlicht nicht anwesend. Matthäus war da, wenn auch ängstlich, wie die anderen auch. Was würde jetzt aus ihnen werden? Wer würde ihnen zu Hilfe kommen? „Lasst uns die Türen abschließen“, sagt er, „es soll uns hier bloß niemand finden. Ein wenig schäme ich mich dafür, dass ich mit Jesus gegangen bin. Kann das alles nicht endlich zu Ende sein?“

„Nein“, sagt Jesus, als er an jenem Abend unvermittelt unter sie trat, „es ist nicht zu Ende. Doch sollt ihr Frieden finden. Frieden schließen sollt ihr mit dem Vergangenen. Versöhnen sollt ihr euch mit denen, mit denen ihr euch gestritten habt. Ja, ihr sollt sogar lernen, auch denen zu vergeben, die euch übersehen, bedrängt oder Unrecht getan haben. Der Heilige Geist, den ich euch heute einhauche, helfe euch dabei.“

Liebe Leserin, lieber Leser! Erkennen Sie sich in Thomas oder Matthäus wieder, oder gar in Judas? Haben Sie auch das tiefe innere Verlangen nach Frieden und Versöhnung? In erster Linie mit sich selbst und mit denen, die Ihnen am nächsten sind?

Dann lassen auch Sie sich anhauchen von Jesus Christus, dem auferstandenen Herrn. Er spricht auch zu Dir: „Friede sei mit Dir!“

Öffne Dich für diesen Frieden. Christus wird Dich nicht enttäuschen.

Ich wünsche Ihnen in dieser Oster- und Pfingstzeit viele solcher Glaubens-, Geist- und Friedenserfahrungen,

Ihr Cord-Michael Thamm

Vor einigen Tagen in Frankreich. Ein radikalisierter islamistischer Terrorist nimmt in einem Supermarkt Geiseln. Zwei erschießt er, als sie versuchen hinauszulaufen. Eine Frau ist weiter in der Gewalt des 25-jährigen Mannes, der aus Marokko stammt. Dann trifft die Polizei ein. Unter ihnen: Der Gendarm Arnaud Beltrame. Nachdem er sich einen Überblick über die Situation gemacht hat, übernimmt er Verantwortung und beweist Mut: Er spricht mit dem Attentäter und Geiselnehmer und bietet schließlich sich selbst als Geisel, wir können sagen: als potentielles Opfer an. Der 25-Jährige lässt sich darauf ein. Die Frau kommt frei und überlebt dieses schreckliche Drama von Carcassonne. Nicht ihr Retter. Arnaud Beltrame wird ebenfalls angeschossen, schwer verletzt und erliegt später seinen Verletzungen.

Hat Arnaud Beltrame ein Opfer gebracht – sich selbst als Opfer, damit jene Frau weiterleben kann? Ich denke, wir können es so sagen. Präsident Macron sagte es ähnlich. Er sprach von ihm als „Helden“ und würdigte den „gewaltigen Mut“, den dieser zeigte. Und er fügte einen bemerkenswerten Satz hinzu: „Sein Beispiel wird bleiben.“

Mich erinnert dies an einen Satz aus dem Credo der Messe „Wie das Licht des neuen Tages“, die unser Chor bereits einige Male im Gottesdienst gesungen hat. Dort heißt es: „Ich glaube an Gott, an Gottes Schöpfungskraft. Ich glaube an Christus, sein Weg bleibt beispielhaft.“

Der Weg Jesu Christi also auch: beispielhaft.

Worin genau liegt das Beispiel, das Vorbild für uns. Lasst uns einmal gemeinsam auf die Suche begeben.

Vielleicht bringt uns der Predigttext für den heutigen Karfreitag auf eine Spur. Er steht im Biref an die Hebräer im 9. Kapitel (9,15.26b28):

Und darum ist Christus auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer, die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Wenn ich versuche zu verstehen, was der uns unbekannte Schreiber des Hebräerbriefes der dritten nachösterlichen Generation um das Jahr 100 schreibt, fällt mir zunächst das Wort einmal auf. Christus ist einmal für allemal erschienen und hat bei diesem einen Mal die Sünde aufgehoben – komplett, nicht nur teilweise. Wodurch? Durch sein eigenes Opfer. Niemand anderes muss und soll also geopfert werden, um die Sünde hinwegzunehmen. Das scheint eindeutig. Niemand soll sich also an diesem seinen Opfer von Golgatha ein Beispiel nehmen.

Dennoch ist hier auch von uns Menschen die Rede: Ja, auch wir Menschen sterben. Ja, wir alle, ohne Ausnahme werden zu einer Stunde, die wir nicht kennen, sterben. Das steht fest. Daran führt keine Forschung und kein Hokuspokus vorbei. Wir können eines natürlichen Todes sterben, mit 95 Jahren wie unser Gemeindeglied Heinrich Pomimer oder mit 102 Jahren, wie unsere gute Apollonie Degner vor wenigen Tagen. Wir können aber auch jäh aus dem Leben gerissen werden, wie die erschossenen drei Opfer von Carcassonne oder wie der Gendarm Arnaud Beltrame. Uns allen gleich ist: Jeder von uns stirbt nur einmal. Doch ist ja noch ein weiterer Mensch gestorben: Der 25-jährige Täter. Er wurde am Ende des Dramas von Beltrmes Kollegen erschossen. Ist es also gleich und egal, wie wir sterben und wenn wir noch mit in den Tod reißen?
Unsere Antwort als nachösterliche Menschen kann auch heute am Karfreitag nur lauten: Natürlich nicht! Vergegenwärtigen wir uns jenen wichtigen Nachsatz: Den Menschen ist bestimmt, einmal zu sterben – sie kommen dann vor das Gericht! Jener Attentäter ist genauso vor dem Richterstuhl Christi, wie dieser Gendarme.

Erinnern wir uns an den Inhalt von Jesu Endzeitrede, die wir bei der Abendmusik am Kardienstag hier in der Thomaskirche gehört haben:

Vom Richterstuhl aus wird Christus alle voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Und zu denen zur Linken wird er sagen: Wahrlich, ich sage Euch, Was Ihr nicht getan habt einem von diesen Geringen, das habt Ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Wie, liebe Gemeinde, könnten wir es anders sagen als so? Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Gott ist das Leben und setzt sich ein für das Leben und opfert seinen Sohn für das Leben der vielen – der vielen Menschen, die so etwas Schreckliches erleben wie in Carcassonne, in Kemerowo in Sibirien oder tagtäglich in Syrien.

Es bedarf nun immer wieder neu und immer wieder stark der Weitergabe dieser Botschaft: Gott hat in Jesus Christus schon alles für uns getan – in diesem einmaligen Opfer. Er hat damit bereits das Böse in der Welt überwunden. Er wird im Gericht, das beim Tod jeden Menschen einsetzt, Recht sprechen. Wir Menschen sollen erkennen, dass dies der einzig lebendige Gott ist – sonst ist keiner. Es gibt nur einen lebendigen Gott, es ist der Gott, der mit Israel sein erstes Testament / seinen ersten Bund geschlossen hat, der Bestand hat in alle Ewigkeit. Es ist derselbe Gott, der mit allen Völkern, auch den arabischen, sein zweites Testament / seinen zweiten Bund geschlossen hat. Wie der erste Bund mit dem Blut der Opfertiere durch Moses besiegelt worden ist, so ist der zweite Bund mit dem Blut Christi besiegelt – mit und für uns in alle Ewigkeit. In welcher Weise dieser einzige, lebendige Gott im 7. Jahrhundert in der arabischen Wüste auch zu Mohammed gesprochen hat, ist für uns ein bleibendes Geheimnis mit einem Schloss, für das uns bisher der Schlüssel fehlt. Leider hat Paulus nicht im 7. Jahrhundert gelebt, um uns auch dieses Geheimnis theologisch zu erklären.

Das heißt doch: Integration in Deutschland, Frankreich und ganz Europa bedeutet doch gerade auch, von dem eigenen lebensbejahenden und Leben ermöglichenden Glauben frei und viel zu reden. In den Schulen, in den Gemeindehäusern – hier bei uns im Rahmen des Projektes „Sich begegnen, sich kennen lernen, miteinander reden“ – und darüber hinaus in Gesellschaft und Politik.

Ist es dann nicht denkbar, vielleicht sogar ganz realistisch, dass Menschen, gerade junge Menschen, die nicht im christlichen Glauben aufgewachsen sind, sich packen und überzeugen lassen von diesem lebensbejahenden Glauben, der genau keine Opfer fordert, um Gott zu gefallen und genau keine gute oder schreckliche Taten verlangt, um sein ewiges Reich, das Paradies zu ererben? Sondern – der Glaube reicht. Sola fide. Hat diese Botschaft nicht nach wie vor eine revolutionäre Kraft und kann alte Denkmuster von „Krieg und Rache“ bzw. „Göttliche Forderung und Belohnung“ sprengen?

Und diese Kraft kann dann in extremen Situationen auch dazu führen, etwas Richtiges für andere zu tun, bei dem man auch sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. So haben das Feuerwehrmänner am 11. September im World-Trade-Center getan, um noch Menschen aus dem Gebäude zu befreien, so tun dies Tag für Tag Frauen in Flüchtlingscamps, um ihre Kinder vor dem Hungertod  zu bewahren, so hat es in der vergangenen Woche auch Arnaud Beltrame getan. Er tat dies aus Verantwortungsgefühl heraus. Er tat dies frei und nicht weil er musste oder damit Gott oder den Menschen gefallen wollte. Er tat dies uneigennützig. Und genau darin liegt etwas Heldenhaftes. Und genau darin kann er uns ein Beispiel sein, ja. Und so ist es ein äußeres Zeichen für diesen inneren Zusammenhang, wenn Präsident Macron ihn posthum geehrt hat. In dem er sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, hat er nicht nur einer Frau das Leben gerettet, er hat auch ein starkes Bekenntnis abgelegt für den Gott, der das Leben mehr liebt als den Tod. Für Christus, der sich nicht zu schade war, sein Leben zu geben, zur Erlösung für die vielen.

So liegt viel Hoffnung in dem letzten Satz des Predigttextes, wo es heißt:

Zum zweiten Mal wird Christus nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Wir warten – im festen Glauben. Und werden den Mund aufmachen und von unserem Glauben erzählen. Und wenn nötig, auch beherzt handeln.

Amen

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lk 21,28) Die drei weisen Männer aus dem Morgenlande samt ihrer Kameltreiber machen sich auf den Weg. Sie sehen auf und erheben ihre Häupter. Sie blicken zum Himmel und erkennen eine ganz besondere Sternenkonstellation, die etwas Großes verspricht, da sind sich die drei einig. Ein Erlöser, der Heiland für die ganze Welt, wird geboren werden. Und dies muss im Land des auserwählten Volkes Gottes geschehen, im Land Israels, und zwar in der Stadt, von der dies schon in den alten prophetischen Schriften geweissagt worden war: In Bethlehem. Die drei brechen auf und machen sich auf die mühsame, beschwerliche Reise gen Westen. Als sie ankommen, werden sie nicht enttäuscht. Sie finden das Kind in der Krippe liegen, in Windeln gewickelt und bei ihnen Maria und Josef.

Diese drei weisen Männer können uns Vorbilder sein: Mit dem, was sie an Vorbildung und Kenntnissen haben, ziehen sie Schlüsse, fassen Vertrauen und brechen auf. Diejenigen, die sie verlachen, lassen sie einfach zurück. Ihnen kann zu diesem Zeitpunkt nicht geholfen werden.

Trauen wir uns auch Vertrauen zu fassen und aufzubrechen? Vertrauen wir auch darauf, dass dort jemand sein wird, der uns Türen und Tor öffnet und uns Herberge gibt, wenn wir es nötig haben? Und gelingt es uns auch, so wir es warm und gemütlich haben, anderen die Türen zu öffnen und Herberge anzubieten? Ja, es gibt Menschen in unserer Gemeinde, die auf uns, unsere offenen Herzen und offenen Häuser angewiesen sind. Lasst uns diese wahrnehmen und einander „in Ehrerbietung zuvorkommen“, wie Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt (Röm 12,10).

Adventszeit ist Bußzeit – die violetten Tapisserien in der Thomaskirche und die Antependien in der Matthäuskirche zeigen es uns an. Nehmen wir uns die Zeit, innezuhalten, in uns zu gehen und unser Leben neu auszurichten, indem wir unsere Blicke richten auf den, der uns Erlösung schenkt: Jesus Christus. Adventszeit ist auch Vorbereitungszeit. Bereiten wir uns vor auf das Kommen dessen, der da ist und der da war und der da kommt – manchmal in Gestalt einer seiner geringsten Brüder.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Ihr

Cord-Michael Thamm

Liebe Leserin, lieber Leser,

sind Sie bereits aus dem Urlaub zurück? Oder haben Sie noch eine schöne Reise vor sich? Steht reine Erholung auf dem Programm, mit Sonne, Meer und Strand? Oder wird es aktiv zugehen, z.B. auf einer Wanderung in den Bergen?

Ich muss zugeben: Ich mag beides. Dieses Jahr geht’s bei uns ans Meer, aber ich mag auch solche Urlaube, in denen man in der Natur unterwegs ist, fernab von der Geräuschkulisse der Stadt. Zu Fuß unterwegs sein. Schritt für Schritt arbeite ich mich bergauf. Den Blick, zunächst nur auf den Weg gerichtet – ich möchte ja nicht stürzen – lasse ich nun langsam schweifen. Ich beginne, meine Umgebung wahrzunehmen. Und dann, in einer Kurve, öffnet sich der Blick auf einmal. Ein Wasserfall ist zu sehen. Steil fällt das Wasser von oben herab, springt über die Felsen. Darüber dunkelblauer Himmel. Ein breiter Sonnenstrahl fällt auf die Landschaft, lässt das Wasser aufleuchten wie Silber.

In solchen Momenten möchte ich innehalten und nachdenken. Ich denke an mein Leben, an meinen Alltag. Ich möchte da auch solche Momente erfahren können. Ich möchte nicht nur funktionieren. Nicht nur aufstehen, Kinder versorgen und sie auf den Weg zur Schule schicken, während ich selber zur Arbeit gehe – und am Abend erschöpft wieder zu Hause ankommen. Ich möchte die Schönheiten und Besonderheiten in der Welt auch im Alltag entdecken. Ich möchte den Blick vom Boden lösen und nach oben schauen. Ich möchte die Menschen, denen ich begegne, in den Blick nehmen. Ich möchte den Himmel sehen und das Licht spüren. Ich möchte die Wärme aufsaugen und darin auch Gottes Liebe spüren. Sie ist doch da und trägt mein ganzes Leben. Gerade auch den Alltag.

Nach den Sommerferien, wenn im August für die Kinder die Schule losgeht und für uns in der Gemeinde auch wieder vieles neu beginnt, bekommen wir mit dem Wochenspruch gleich etwas Wunderbares gesagt: „Wandelt als Kinder des Lichts: Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheser 5,8b.9, Wochenspruch am Sonntag, 6. August)

Lassen Sie es uns, mit dem Bild des Wasserfalls in den Bergen im Hinterkopf, versuchen!

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Leser!

Da steht ihr nun! Vorne im Altarraum und erzählt uns von Eurem Glauben. Ihr erzählt uns davon, wie man betet, und spielt uns eine Szene vor, wie Gott im Gebet zu uns spricht:

„Vater unser im Himmel“ – „Ja hallo, was möchtest Du?“ – „Unterbrich mich nicht!“ – „Aber Du hast mich doch gerufen!“

Gezeigt habt ihr uns in Eurem Vorstellungsgottesdienst (der dieses Jahr in der Matthäuskirche gefeiert wurde), wie heilsam diese Unterbrechungen Gottes mitten in unserem zur Routine gewordenen Gebet sind, mitten in unserem Alltag. Dass Gott nicht fern ist, sondern nahe jedem, der sich an ihn wendet. Das habt ihr uns eindrucksvoll in Erinnerung gerufen und damit unsere Herzen erreicht. Damit habt ihr, Töchter und Söhne aus unseren beiden Gemeinden, aktualisiert, was die Söhne Korachs damals im alten Israel gedichtet und gesungen haben (Ps 85,10):

Gottes Heil ist denen nahe, die ihn fürchten. Seine Herrlichkeit wohne in unserm Land. (Einheitsübersetzung)

Dass Gottes Herrlichkeit und seine Menschenfreundlichkeit in unserem Land wohnt, konnten wir am 6. März in der Matthäuskirche erleben und erfahren. Der Sonntag trug den Namen „Lätare“ – zu Deutsch: „Freuet Euch!“

Und, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, wir haben uns sehr gefreut: Über Euch und Euren authentischen, leidenschaftlichen Glauben, der auch unseren Glauben gestärkt hat und darüber, dass Gott spürbar in unserem Land, in unserer Stadt, in unseren Gemeinden wohnt und wir so keine Angst haben müssen angesichts dessen, was vor uns liegt – wie steinig und steil der Weg auch sein mag.

Ich freue mich darüber und bin dankbar, dass Ihr durch Euren Einsatz und Eure Ideen unser Gemeindeleben bunter und reicher macht.

Ich wünsche Euch eine schöne Konfirmation, die Euch lange in Erinnerung bleiben möge und viele Begegnungs- und Betätigungsmöglichkeiten in unseren Gemeinden, bei MT-F und im Kirchenkreis!

Euer Pastor Cord-Michael Thamm

Liebe Leserin, lieber Leser!

Mitte Januar saßen Christen verschiedener Konfessionen aus den Gemeinden unseres Stadtteils zusammen im Gemeindehaus der Thomaskirche und sprachen über die Visionen des Propheten Sacharja. Dabei kamen wir auch darauf zu sprechen, was wir selbst von Visionen halten und ob wir Visionen haben. Wir stellten fest, dass eine Vision mehr ist als nur ein Traum oder ein Wunsch oder ein konkretes Ziel eines Menschen. Eine Vision stellt eine Beschreibung unseres Lebens, unserer Gesellschaft dar, wie sie noch nicht ist, aber wie sie einmal sein wird. Dabei gibt diese Beschreibung den Menschen, die sie hören Hoffnung, konkret in ihrem Leben, und Mut, Schritte in diese Richtung zu gehen. Beispiele aus der Geschichte wurden genannt: Martin Luther King sprach in seiner berühmten Rede am 28. August 1963 von seinem Traum, dass einmal seine Kinder in ihrer Nation nicht mehr nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Heute, so stellten wir fest, hat die USA einen farbigen Präsidenten. Auch Egon Bahr und Willy Brandt wurden genannt, die in der Zeit des kalten Krieges, der Abneigung und des Misstrauens die politische Vision des Vertrauens und er Annährung zwischen Ost und West entwarfen und dann mutig Schritte in diese Richtung gingen. Viele von unseren Eltern und viele von uns gingen diesen Weg mit und gemeinsam freuten wir uns in den Jahren 1989 und 1990 über die friedliche Wiedererlangung der deutschen Einheit in der Mitte eines versöhnten Europas.

Auch heute haben wir solche gesellschaftlichen Visionen nötig. Wir stehen vor gewaltigen Aufgaben – innen- wie außenpolitisch. Menschen in unserem Land werden sich, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer religiösen und ihrer kulturellen Prägung in der gemeinsamen, in diesem Lande gesprochenen Sprache verständigen über Werte, die sie teilen, über Sehnsüchte und Hoffnungen, die sie haben. Gemeinsam werden sie Mut finden und einstehen gegen Gewalt und Hass und religiös-ideologische Verblendung. Sie werden gerade die jungen Leute in den Blick nehmen und für sie da sein. Sie werden nicht zulassen, dass diese sich infizieren lassen von der Propaganda der Intoleranz und des Hasses. Unsere guten Schulen mit ihren engagierten Lehrern werden maßgeblich, stetig, in der Regelmäßigkeit des täglichen Unterrichts diesen jungen Menschen Orientierung und Halt geben. Die verschiedenen Gemeinden werden Möglichkeiten des Austausches und der Gemeinschaft schaffen. Und Menschen, die bisher einsam waren, werden entdecken, dass es im Leben nie zu spät ist, etwas Neues, bisher Unbekanntes zu beginnen und seinem einzigartigen Leben in einer anderen Lebensphase noch einen neuen Sinn zu geben, im Gegenüber und Miteinander mit anderen.

Dies, liebe Leserin, lieber Leser, wird von anderen Menschen wahrgenommen und gesehen werden, auch in anderen Ländern. Schauen wir nicht zu viel zurück, schauen wir nach vorne – mit Zuversicht und Hoffnung und mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Und gehen wir erste Schritte.

Ihr Cord-Michael Thamm

Liebe Leserin, lieber Leser!

Haben Sie es gleich erkannt? Irgendwie kommt es Ihnen bekannt vor, aber Ihnen fällt nicht ein, wo sie es schon einmal gesehen haben?

Ich helfe Ihnen gerne auf die Sprünge: Es ist eines von 100 auf Leinwand selbst gestalteten Bildern, die im Jubiläumsjahr der Thomasgemeinde entstanden sind und nun als großes Mosaik an der großen Wand rechts vom Altarraum hängt.

Der Betrachter blickt der aufgehenden Sonne entgegen. Er ist nicht allein. Vor ihm stehen weitere Menschen: Erwachsene und Kinder. Auch sie blicken hin zur Sonne und erscheinen aus der Sicht des Betrachters als dunkle Gestalten. Doch das Sonnenlicht umhüllt sie. Es leuchtet durch sie hindurch und an ihnen vorbei. Die Sonnenstrahlen umhüllen sie, ja tragen sie sogar. Die Menschen saugen das Sonnenlicht und die Wärme auf – vielleicht mit geschlossenen Augen, vielleicht versunken im Gebet. Sie spüren die Wärme der Sonne, die sie anstrahlt. Sie spüren aber auch die Wärme derjenigen, die rechts und links neben ihnen stehen. Sie spüren, sie sind nicht allein.

Auch ich als Betrachter bin nicht allein. Im Gottesdienst sitzen Menschen rechts und links von mir. Die Dame auf der einen Seite kenn ich mit Namen und weiß, was sie bewegt und was ihr Sorgen bereitet. Mit dem Herrn rechts von mir habe ich aber noch nie ein Wort gewechselt. Ob er schon häufig hier war? Oder ob er heute nur zu Besuch ist.

Auch ist als Betrachter dieses Bildes möchte mich anstrahlen lassen von der aufgehenden Sonne. Von dem Licht und der Wärme, die von Gott ausgeht. Auch ich möchte mich von ihr verwandeln lassen und dann, ja dann dieses Licht und diese Wärme an Menschen rechts und links von mir weitergeben.

Auch an mir soll sich bewahrheiten, was da geschrieben steht:

„Die Gott lieben sollen sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht!“ (Richter 5,31)

Ich wünsche Ihnen gute Erfahrungen beim Betrachten dieses Bildes wie beim Aufsaugen der Wärme der Sonne und der Liebe Gottes. Und dann gute Begegnungen in unserer Gemeinde

Ihr Pastor Cord-Michael Thamm

Geheimnisvoll liegen sie noch im Dunkeln. Versteckt hinter Bäumen, Rollläden und Autos. In unserem Stadtteil. In Haste, auf dem Sonnenhügel und in der Dodesheide. Kleine Figuren stehen dort, noch im Schatten und Tannengrün. Dann ist es soweit. Die nahe Kirche schlägt 6 Mal. Der Rollladen bewegt sich langsam nach oben. Ein Kind entzündet eine große Kerze. Neugierige Augen schauen gespannt durch das Fenster. Ein Lied wird angestimmt: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. So kommt der Herr auch zu Euch, ja, Heil und Leben mit zugleich. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.“

Menschen stehen bei einander. Menschen aus der Nachbarschaft. Einige sind ein Stück mit dem Fahrrad gefahren. Nun halten sie gemeinsam eine gute halbe Stunde inne, wärmen sich mit einem Becher Punsch und an dem guten Miteinander.

Es ist Advent. Der Herr kommt auch zu uns. Bereiten auch wir ihm den Weg.

Ihr Pastor Cord-Michael Thamm