„Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt.
Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes. In der Heiligen Schrift steht ja: „‘Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben‘ – spricht der Herr.“
Im Gegenteil: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf anhäufst.“
Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Römer 12,17-21)

So der Predigttext heute. Aus Paulus‘ Brief an die Römer.
Das ist der Beginn der Predigt heute und eigentlich könnte das doch auch schon das Ende der Predigt sein.
Was soll ich da noch hinzufügen?

„Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt.“Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,17+18+21)

Eigentlich gibt’s da nichts hinzuzufügen.

Aber Menschen haben diesen Worten über die Jahrhunderte etwas hinzugefügt. Dabei ist Paulus‘ Ansinnen so simpel wie erstrebenswert:
Böses nicht mit Bösem vergelten. Das Böse durch das Gute überwinden. Und – soweit es uns möglich ist und an uns liegt – mit ihnen im Frieden leben.

Menschen haben diesen Worten über die Jahrhunderte etwas hinzugefügt.

Böses. Nicht Gutes.
Hass. Nicht Frieden.
Menschen haben den Tod gewählt. Nicht das Leben.

Coldplay – Death and all of his friends

Aber immer wieder trotzen Menschen dem Bösen.
Immer wieder findet Paulus Nachfolger und Nachfolgerinnen, die seine Sehnsucht teilen. In Worten und Taten. Mit Liedern.
Ein Lied von Coldplay ist mir präsent: „Death and all of his friends”. Der Tod und all seine Freunde. Das Lied hat wenig Text, braucht nur wenige Worte. Diese sind dafür umso eindrücklicher:

„No I don’t want to battle from beginning to end.
I don’t want a cycle of recycled revenge.
I don’t want to follow Death and all of his friends.“
(Coldplay – Death and all of his friends)

„Nein, ich will nicht vom Anfang bis zum Ende kämpfen.
Ich will keinen Kreislauf der Rache.
Ich will nicht dem Tod und all seinen Freunden folgen.“
Eine trotzige Sehnsucht, ein hoffnungsvoller Wunsch:
Kein Kämpfen. Kein Tod. Keine Rache.

Die Sache mit der Rache. David und Josef.

Die Rache. Bei Paulus hat sie seinen Platz.
Er entzieht die Rache uns Menschen.
Und überlässt sie Gott.
Wohlahnend, dass die Rache ein zutiefst menschliches Gefühl ist, das der Mensch nur zu oft auslebt und Realität werden lässt.
Wohlwissend, dass er einen Gott predigt, der liebt.

Paulus wischt die Rache fort. Hinein in Gottes Hände.
Denn die Rache ist dunkel und hässlich.
Stattdessen zieht Paulus die Liebe heran. Liebe ist süß und hell.

„Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf anhäufst.“ (Röm 12,20)

Was für ein Bild das ist! Liebe, die sich anfühlt, wie glühende Kohlen auf meinem Kopf.
Das ist das Gefühl der Reue.

Paulus hat nicht erfunden. Er zitiert aus dem Buch der Sprüche, aus der Weisheit des Alten Testaments. Er zitiert das Judentum, die Religion, in der er aufgewachsen ist.

Paulus ist aufgewachsen mit der Geschichte Davids, der sich in der finsteren Höhle versteckt. David, der noch kein König ist, sondern fliehen und um sein Leben fürchten muss.

Sein Feind ist Saul, der König. Er, sein Feind, taucht in der Höhle vor David auf, nur wenige Meter entfernt von ihm.

Jetzt ist die Gelegenheit, den zu töten, der ihn töten will. David zieht sein Schwert. Spürt es kalt und schwer in seiner Hand. Schlägt zu.

Und dann hält er ein Stück von Sauls Mantel in der Hand. Er verschont ihn. Sieht zu, wie er die Höhle wieder verlässt.

Paulus ist aufgewachsen mit der Geschichte Josefs, den seine Brüder als Sklaven verkauft haben. Aus Neid, Eifersucht, Hass. Josef, mit dem Gott und die Geschichte es gut meinen. Der nun ein mächtiger Mann in einem fremden Land  ist.

Seine Brüder fallen ihm in die Hände. Er kann über ihr Leben entscheiden. Sie fürchten sich. Betteln um Vergebung. Aber Josef vergibt ihnen. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (Gen 50,20)

Jesus, der Splitter und der Balken.

Auch Jesus wächst mit diesen Geschichten auf.
Mit Geschichten, die den Kreislauf der Rache durchbrechen. 
Geschichten von Menschen, die Böses durch Gutes überwinden.
Menschen, die das Leben wählen und nicht dem Tod folgen.

Davon predigt Jesus.

Davon handeln die Erzählungen, die uns von ihm überliefert sind.
Jesus rettet die Frau, die die Ehe gebrochen hat. Die zum Tod verurteilt ist. Er rettet sie, weil es keinen gibt, der selbst ohne Fehltat ist.
Jesus rettet die Prostituierte, den Zolleintreiber, den Soldaten.
Er rettet sie mit der Botschaft der Liebe, die das Böse überwindet, die stärker ist als der Tod.

Und Jesus hält uns den Spiegel vor.
Er kennt den Splitter im Auge meines Gegenübers.
Aber er sieht auch den Balken in meinem Auge.

Anleitung zum Scheitern und trotzdem Versuchen

„Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt.“Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,17+18+21)

Eigentlich gibt’s da nichts hinzuzufügen, habe ich am Anfang gesagt und habe es nun doch gemacht. Weil die Geschichte nicht zu Ende erzählt ist. 

Weil die Geschichten nicht zu Ende erzählt sind. Weil auch wir noch viel hinzuzufügen haben.

Josef, der seinen Brüdern großmütig vergibt, hat sich zuvor für besser als sie gehalten und sich ihren Neid redlich verdient.

David, der seinen Feind gnädig verschont, wird später als König Ehe brechen und einen Mann in den Tod schicken.

Und trotzdem halte ich daran fest:

Nein. Ich will keinen Kreislauf der Rache.
Ich will nicht dem Tod und all seinen Freunden folgen.
Ich will das Leben wählen. Ich will das Gute tun.
Es wenigstens versuchen. Soweit es möglich ist.

Ich werde scheitern. Immer wieder.
Und ich werde es immer wieder von Neuem versuchen.
Ich kann das tun, weil ich getauft bin und dieser Trost bleibt, so oft ich auch scheitere und es wieder versuche:

Wir haben einen Gott, der gnädig ist und barmherzig.
Wir haben einen Gott, der liebt.
Wir haben einen Gott, der tröstet.

Amen.

Pastor Groneveld